Text: Quentin Mayerat
Fotos: Sébastien Aubord & Louis Taurel

Olbia liegt im Nordosten von Sardinien und ist eine Hochburg für Fahrtenseglerinnen und -segler. Die Nähe zum Flughafen, die moderne Hafeninfrastruktur, die Einkaufsmöglichkeiten,
die grossen Charterflotten und die Lage an der treffend benannten Costa Smeralda mit ihren türkisfarbenen Buchten machen Olbia zum Mekka für Törnfans. Vielleicht ist es gerade
deshalb so schwierig, sich auf ein Programm festzulegen, denn hier hat man wirklich die Qual der Wahl. Nach Süden aufbrechen und den Klippen von Dorgali entlangsegeln? Eher
Richtung Norden tendieren und sich im Insellabyrinth von La Maddalena verirren? Oder Gas geben und Korsika ansteuern? Wir übernehmen unser Boot in der Basis von Dream Yacht Charter in Olbia, wo jede Woche die übliche Hektik der Bootsübernahmen und -rückgaben ausbricht. Als das Sicherheits- und Wetterbriefing vorbei ist, zeigt die Uhr bereits 17 Uhr. Es ist Oktober und die Sonne geht schon bald unter. Wir wollen die Nacht aber auf keinen Fall im Hafen verbringen, machen die Leinen los und suchen uns schnell unseren ersten Ankerplatz.

DIE CALA COTICCIO AUF CAPRERA IST IN DER NEBENSAISON EINE OASE DER RUHE.

Streit um Tavolara

Auf Sardinien wird man kaum jemals enttäuscht. Jeder Strand ist ein Traum, einige sind sogar regelrecht spektakulär. Unser erstes, auf die Schnelle ausgewähltes Ziel heisst Spiaggia Le Saline. Die Bucht liegt geschützt zwischen dem Capo Figari und dem Capo Ceraso und bleibt daher meist spiegelglatt. Am Wochenende kommen die Bewohnerinnen und Bewohner von Olbia gerne hierher zum Baden. Angesichts der späten Jahreszeit treffen wir am grossen Sandstrand weder auf Touristenmassen noch auf Horden anderer Boote. Ein Glück, denn in der Hochsaison sind die sardischen Ankerplätze oft rappelvoll. Nach der Durchquerung der Fahrrinne sind es nur wenige Minuten unter Motor bis

Man kann noch so oft da gewesen sein, Sardinien beglückt jedes Mal von Neuem mit einer Fülle von kleinen Wundern. Wir sind Oktober in Olbia zu einem einwöchigen Törn aufgebrochen, an dem wir uns vom Wind treiben liessen.

zur Spiaggia Le Saline. Im Hintergrund dieser Postkartenlandschaft ist bereits die von hohen Klippen gesäumte Insel Tavolara zu sehen, die wir am nächsten Tag umsegeln wollen. Sie wird
nur von einer Handvoll Menschen bewohnt und spielt die Hauptrolle in einer skurrilen Geschichte. Seit dem 19. Jahrhundert streiten sich Italien und die Nachkommen der ertoleoni-Familie um dieses Stück Land. Bei einem Treffen im Jahr 1836 soll König Karl Albert von Sardinien dem Hirten Guiseppe Bertoleoni den Titel des Königs von Tavolara verliehen haben. Er und seine Nachkommen hatten die Souveränität über die Insel seit jeher beansprucht, der italienische Staat sah das aber anders. In den 1960er-Jahren überliess die Regierung einen der Felsvorsprünge der NATO, die dort eine Funkantenne aufstellte. Der Herrscher war not amused!

Kurs auf Tahiti

Die Umrundung der Insel Tavolara nimmt einen Grossteil unseres ersten Törntags ein. Wir übernachten in Spiagia delle Formiche, nicht weit von Porto Taverna entfernt. Ihre Granitküste mutet idyllisch an, leider ist das Unterwasserleben hier aber so gut wie tot. Ob der Tourismus daran schuld ist?

DIE EINFAHRT IN DEN HAFEN VON BONIFACIO IST IMMER EIN EREIGNIS.

Da eine Schwachwindfront aufzieht, bleibt uns nichts anderes übrig, als die berühmte Strasse von Bonifacio anzusteuern. In der Meerenge zwischen Korsika und Sardinien weht fast das ganze Jahr hindurch ein konstanter Wind. Also nehmen wir Kurs auf Norden, der Naturpark La Maddelana wartet auf uns. Die Cala Coticcio im Nordosten von Caprera, einer Insel am östlichen Rand des Archipels, wird auch als Klein-Tahiti bezeichnet. Hier treffen fast schneeweisser Sand und türkisfarbenes Wasser auf bizarr geformte helle Felsen. In der Nebensaison gehört dieses Miniaturparadies ganz Ihnen, im Sommer hingegen herrscht grosser Andrang. Die Touristen nehmen sogar einen 45-minütigen Fussmarsch in Kauf, um sich ihre paar Zentimeter weissen Sand zu sichern. Viel Platz bleibt dann zwischen den unzähligen Badetüchern nicht. Bevor man das Naturschutzgebiet betritt, muss man auf der Website der Parkbehörde eine Eintrittsgebühr entrichten. Es finden auch regelmässig Kontrollen statt. Caprera zu verlassen, ohne die kleinen, naturbelassenen Berge zu besteigen, wäre schade. Man kann dort auch das Haus besichtigen, in dem Giuseppe Garibaldi (1807–1882), einer der Väter der italienischen Nation, die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

IN DER ZWEITEN BUCHT DER CALA COTICCIO SIND MEIST NUR WENIGE FAHRTENSEGLER ANZUTREFFEN, DA SIE DER BRANDUNG STÄRKER AUSGESETZT IST.

Durch La Maddalena zu segeln macht grossen Spass. Wie in einem Labyrinth muss man sich durch eine Vielzahl kleiner Inseln und Felsen seinen Weg bahnen. Dabei ist Vorsicht geboten. Man darf auf keinen Fall leichtsinnig drauflossegeln, sondern muss unbedingt auf die Markierungen achten. Manch ein erfahrener Skipper hat hier schon seinen Kiel zerkratzt! Gut 20 Seemeilen von Caprera entfernt begrenzen die imposanten weissen Klippen von Bonifacio die Südküste von Korsika.

Wunder der Natur

Auf unserem Weg liegen die Lavezzi-Inseln, unbestritten einer der ganz grossen korsischen Schätze. Leuchtende Blau- und Grüntöne, Granitfelsen und eine lebendige Unterwasserwelt
machen diese Region absolut sehenswert, auch wenn es sich um eine der windreichsten Zonen in der Meerenge zwischen Korsika und Sardinien handelt. Der Grund: Der Wind zwängt sich zwischen den beiden grösseren Inseln Lavezzo und Cavallo hindurch, wodurch ein kräftiger Venturi-Effekt entsteht. Bei West- oder Ostwind bieten mehrere Ankerplätze Schutz.
Doch auch hier muss man sich genau an die Vorschriften halten, denn die Inselgruppe ist geschützt. Nehmen Sie sich Ihrem Boot zuliebe zudem vor Strömungen, Steinen und Untiefen in Acht!

EIN KLEINES TIEF HAT UNS 24 STUNDEN BEGLEITET. FÜR DEN MONAT OKTOBER NICHT DER REDE WERT!

Die Einfahrt in den Hafen von Bonifacio ist immer ein Ereignis. Seine uneinnehmbare Zitadelle und die imposanten weissen Kalksteinklippen wachen über die Hafeneinfahrt. Die Brandung hat sich im Lauf der Jahrhunderte so sehr in die Kalkmauer gefressen, dass die darauf thronend Altstadt heute aussieht, als würde sie über dem Meer schweben. Auf einem Wanderweg, der den Felsen entlangführt, kann man die einzigartige Lage der Stadt in ihrem ganzen Ausmass erfassen. Der Pfad beginnt unter der Zitadelle und führt bis zum Gouvernail, dem «Steuer» und südlichsten Punkt der Insel.

Das Ende unserer Reise naht, doch bevor wir zurück nach Olbia segeln, legen wir noch einen letzten Stopp auf einer weltberühmten Inselgruppe ein. Budelli, Santa Maria und Razzoli am
nördlichen Rand von La Maddalena formen in ihrer Mitte eine riesige nach Westen offene Bucht. Gut geschützt im Lee von Budelli ankern wir im Sand. Da ein Westwind geht, können wir sogar unsere Surfgeräte aus den Backskisten holen. Mit Wind- und Wingfoils durchkämmen wir dieses prächtige, von menschlichen Artefakten weitgehend unberührte Gebiet. Anschliessend wollen wir uns unbedingt den rosafarbenen Strand genauer ansehen. Er ist in jedem Reiseführer als Must-see aufgeführt und verdankt seine Farbe einem Mikroorganismus, der in Muscheln lebt und den Sand rosa färbt. Baden und Betreten des Strands sind allerdings strengstens verboten.

RAZZOLI, BUDELLI UND SANTA MARIA GEHÖREN UNS! WIR SIND FAST ALLEIN AM ANKERPLATZ UND NUTZEN DIE ZEIT FÜR ERKUNDUNGEN UND WASSERSPORT.

Die Woche ist unglaublich schnell vergangen. Sardinien ist so abwechslungsreich, dass jeder Törn, egal, wie oft man schon da war, einzigartige Erlebnisse bereithält. Ein starker Westwind treibt uns an einem letzten herrlichen Segeltag zurück nach Olbia. Die Bilder unserer Reise werden noch lange in unseren Köpfen herumschwirren.

Reise-Infos

Beste Reisezeit

Die beste Reisezeit ist erfahrungsgemäss die Nebensaison. Die Temperaturen können allerdings etwas kühler sein als im Sommer, daher sollte man unbedingt ein paar warme Kleider einpacken. Ein kleines Übel, denn dafür haben Sie die traumhaft schönen Liegeplätze für sich allein. Bis Anfang November ist das Meer noch warm genug zum Baden. Mit einem Neoprenanzug spüren Sie keinen Unterschied zum Sommer!

Segeln

Die Strasse von Bonifacio ist tückisch und nicht ungefährlich. Planen Sie Ihre Route gut im Voraus und halten Sie vor allem bei schlechtem Wetter nach Gefahren und Untiefen Ausschau. Aufgrund des Venturi-Effekts zwischen Korsika und Sardinien kann der Wind sehr schnell zunehmen. Segeln Sie bei Starkwind nicht gegen den Wind.Für den Nationalpark La Maddalena müssen
Sie von Anfang Mai bis Ende Oktober abhängig von der Länge Ihres Bootes und der Aufenthaltsdauer eine Gebühr entrichten. Infos und Vorschriften: parks.it/parco.nazionale.
arcip.maddalena

Angeln

Wir essen gerne frischen Fisch und waren mit unseren Schleppangeln sehr erfolgreich. Drei Thonine aus der Familie der Thunfische sind uns an die Haken gegangen. Vorsicht allerdings bei Naturschutzgebieten, davon gibt es viele. Der Angelladen Big Fish in der Nähe des Jachthafens hat uns wunderbar beraten: +39 0789 196 5819.